Donnerstag, 17. Januar 2008

Meine Schwächen werden mir sehr bewusst …

Hier in Kenia werde ich immer aufs Neue mit widersprüchlichsten Gefühlen konfrontiert...

Zurzeit leben Kinder eines recht erfolgreichen Geschäftsmannes aus Malindi mit uns auf der Farm. Er ist HIV positiv. AIDS ist bei ihm noch nicht ausgebrochen. Und er will alle seine Geschäfte unter Dach und Fach bringen, solange er noch Zeit hat. Gerade öffnet er eine Bar. Klar steckt er voll im Stress. Er ist geschieden. Die Kinder wachsen alleine auf, sind brutal und gehorchen nur auf Schrei. Die sind tierisch verwöhnt und faul, können nix selbständig machen und haben keinen Respekt vor Arbeit der anderen. Ehrlich, ich mag sie nicht, überhaupt nicht. Die sind so rotzfrech, so arrogant, so tierisch brutal… Unvorstellbar!!! Wenn jemand von uns auf sie aufpassen soll, ist es wie ne Strafe. Aber eigentlich sollte ich doch Mitleid mit denen haben – sie kennen nicht anders. Aber ich habe keine Mitleid…

Gestern haben Sammy und ich Familie seiner Schwester besucht. Halben Tag dauerte die Reise dorthin Da wir nur einen Rad hatten, fuhren wir abwechselnd, mal Sammy, mal ich auf dem Gepäckträger. Das Dorf, in dem die Familie wohnt, liegt in der Nähe der Sabaki-River (Galana River). Es ist eine sehr malerische Gegend, roter Sand und rotes Wasser des Flus, Pracht der wunderschönen Mangobäume, schlanken Kokos- und Papayapalmen am Ufer des Flusses. Hier sprüht alles vor Grün, auch in dieser dürren Zeit (bis Mai ist es Trockenzeit). Das Wasser des Flusses ist wahre Rettung für diese arme Gegend. Als wir ankamen, umringten uns sofort tausende Kinder. Als Gäste haben wir bequeme Holzbank bekommen. Kinder saßen um uns rum im Straßendreck. Wir haben auf dem Boden gemalt und gespielt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass jedes Mal, wenn die Kinder husteten (das taten sie ständig), hab ich Luft angehalten oder mich dezent weggedreht. Ich weiß, dass die meisten TB haben. Und ich schäme mich für mein Verhalten sehr. Nachhinein ist mir klar geworden, auch wenn ich TB bekommen soll, ist es ja kein Problem. Ich gehe ins Krankenhaus und heile die Krankheit. Die Kinder hier denken noch nicht mal dran. Sie wissen nicht mal was ein Arzt ist. Es ist Luxus hier zum Arzt oder in die Schule zu gehen.
Jede Familie hier hat eine traurige Geschichte. Schwester von Sammy verlor ihren Mann durch TB. Jetzt passt sie nicht nur auf ihre eigenen Kinder, sondern auch auf die kleinen Enkelsöhne auf. Deren Mutter ist kurz nach Geburt gestorben. Deren Stiefmutter kümmert sich um ihr zweimonatiges Baby, was Malaria hat. Der kleine Zwillingsbruder ist bereits wegen Malaria gestorben.
Sammy und ich wurden in dieser bettelarmen Familie wie Könige empfangen. Das kleine zerbrechliche Lehmhäuschen ist in zwei winzige Räume geteilt. Sammy und mir wurde Essen in einem „Zimmer“ mit einer Decke, was in der Nacht als Bett für die Kleinen dient, auf kleinem auch zerbrechlichem Tischchen serviert. Die anderen aßen im anderen Raum. Warum? Versuche ich immer zu fragen. Ich soll nicht fragen. Mittlerweile weiß ich das. Weil wir nicht sehen sollen, dass die anderen nur wenig Essen kriegen. Eigentlich sollte mir doch jeder Biss im Hals stecken. Aber ich habe dort zu meiner Schande gut gegessen. Ich hatte zuvor ein bisschen für die Familie eingekauft: Ugali, Reis, Zucker, paar Tomaten (alles pure Luxus hier!!!). Hätte ich bloß gewusst, wie sie leben, hätte ich mehr mitgenommen. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin, kaufe ich für die Jungs T-Shirts und Hose, bringe nächstes Mal mehr Essen und vielleicht paar Mäuse mit. Ich habe den Gut und Haben der Familie gesehen. Die Jungs haben nicht mehr, als das, was sie anhatten. Bei dem Anblick bleibt einem die Luft aus.
Und dann komme ich zu mir nach Hause, wo ich als erstes unter die „Dusche“ springe und Klamotten wechsele. In solchen Momenten kriege ich richtig Wut auf diese Ungerechtigkeit. Und vor allem auf mich selber, dass ich in solchen Situation so egoistisch bin.





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