Mittwoch, 20. Februar 2008

Sind wir Helden ?.. oder Reise nach Hola


Die Abfahrt war für den frühen Morgen geplant. Wie alles hier in Afrika, verzögerte sich auch unsere Abreise. Die Zeit habe ich genutzt und die wunderschöne in der Sonne badende blaue Echse beobachtet.

Endlich höre ich den Motor. Ja, das ist unser klappriger Jeep, mit ordentlicher Schicht Staub bedeckt. Der Wagen scheint sein Rentneralter bereits erreicht zu haben. Wird der unsere Reise überleben? Wir fahren los. Nach 10 km stellen wir fest, dass die Bremsen heiß gelaufen sind. Mit so einem Wagen können wir doch keinen Trip nach Hola starten!!! Wir bestellen einen neuen Jeep… Es gibt nur einen Kleinbus… Ein Nissan mit Fahrer. Das heißt nicht nur den Wagen, sondern auch den Fahrer bezahlen. Nach kurzer Beratung entscheiden wir uns für den Nissan mit Fahrer.

Wer sind wir?

Bill – der Gründer und Vorsitzender der TARIKIH e.V.,

Silvia in der Rolle des Bodyguards (für diejenigen, die ein Lächeln auf den Lippen haben: Silvia hat schon in einem Flüchtlingslager mit der amerikanischen Armee zusammengearbeitet, wurde in Berlin für Militärzwecke ausgebildet und noch viel viel mehr, worüber ich einfach nicht reden darf…),

und moi in der bescheidenen Rolle des Berichtserstatters (das Ergebnis liest Du gerade!).


Wir brechen am 14. Februar auf, am Tag der Verliebten. An der Tankstelle kann ich zwei junge Damen mit Rosen beobachten. Dieser kommerzielle Trend scheint auch Kenia erreicht zu haben. Wir tanken voll und starten unsere Reise. Je mehr wir uns von der Küste in Richtung Somalia entfernen, desto mehr verändert sich die Natur. Es sind viel mehr Sandlichtungen. Die Bäume sind trocken. Wir sind in der Halbwüste. Nach einigen Kilometern erreichen wir die polizeiliche Wache. Die Gegend, wo wir hinfahren, ist keine sichere Gegend. Erstens, die Halbwüste ist dünn besiedelt. In dem fruchtlosen Sand lassen sich weder Mais noch Kassava pflanzen. Nur wenige Wüstenpflanzen überleben diese Dürre. So fahren wir und fahren und fahren bis wir das nächste Dorf erreichen. Zweitens, diese Gegend grenzt an Somalia, in der immer noch ein Krieg geführt wird. Viele Menschen flüchten nach Kenia. Viele Menschen sind bewaffnet (man sage, jeder zweite in Kenia würde eine Schusswaffe besitzen), verhungert, verzweifelt… So werden manchmal Autos und Busse zum Opfer der verzweifelten Flüchtlinge.


Um die Bürger zu schützen, hat die kenianische Regierung eine begleitende polizeiliche Patrouille vorgeschrieben. Dabei haben sie nicht bedacht, dass manche korrupte Patrouillepolizisten in Verbindung zu den Räubern stehen. Manchmal weiß man nicht, vor wem man die Angst haben soll, von den Jungs, die sich hinter den Büschen verstecken oder von den Jungs, die mit Maschinengewehren auf der Hinterbank sitzen.

Wir nehmen zwei Jungs mit: Julius, ein Pokomo, und Sola, ein Araber. Die wirken ziemlich schüchtern, beobachten die Straße und lassen ihre Gewehre nicht für eine Sekunde aus den Händen. Ich frage den niedlichen Julius, ob ich nicht mal seine Mütze haben kann. Ja, klar. Ich mache Fotos von mir. Würde auch gerne Fotos von den Jungs machen. Es ist aber gesetzlich verboten. Die ersten Warnungen darüber kommen schon im Flugzeug, dass man weder die Grenze noch Polizisten fotografieren darf. Das wird strafrechtlich verfolgt, die Kamera und den Film werden dem Sünder entzogen. Und ich liebe meine Kamera, deswegen wage ich den Versuch gar nicht.


Irgendwann geht die geteerte Straße zu Ende und wir fahren die Sandstraße Richtung Norden weiter. Ab und zu begegnen wir einsamen Autos auf der Straße. Sie erzeugen so einen Sandsturm, dass nur die Staubmasken, die wir vorausschauend besorgt haben, uns helfen können. Halbwüstenlandschaft zieht an unseren Fenstern vorbei. Die Sonne ist gnadenlos. Wir schwitzen ohne uns zu bewegen. Alles im Auto ist mit Staub bedeckt. Langsam gleichen sich alle Farben an. Alles wird grau. Das Starren in die endlose Weite wird belohnt. Einmal treffen wir auf Paar Perlhühnern auf der Straße. Verscheucht verschwinden sie allerdings im trockenen Gebüsch. Und einmal verschwindet die so seltene Kugu Antilope erschrocken hinter den Bäumen. Nur wenige Sekunden können wir die graziöse Antilope mit dünnen langen Beinen und geschwungenen Hörnern beobachten. Bis wir unsere Kameras ausgepackt haben, ist die Antilope schon längst verschwunden.





Unser Fahrer, der auf Name Kazungu hört und dessen Spitzname Bambini (wegen seiner Größe. Er ist kleiner als ich!) ist, wurde von Bill in Mister Kaz umgetauft. Im Laufe der Tage ist aus Mister Kaz „Katze“ geworden. Also, unsere Katze ist ein sehr guter und off-road erfahrener Fahrer. Allen Schlaglöchern, allen Sandbänken entweicht unser Minibus gekonnt. Und trotzdem fahren wir sehr zügig, so dass wir noch lange vor Dunkelheit, unseren Befürchtungen entgegen, Hola erreichen.


Nach kleiner Rast verabschieden wir uns von den braven Jungs Julius und Sola und machen uns auf den Weg zu unserem Pastor, der uns in den nächsten Tagen willkommen heißen wird.

In unserem neuen Zuhause angekommen, fühle ich mich leicht geschwächt. Seltsam, den ganzen Tag habe ich nichts gemacht. Woher kommt dieser Schwindel? Ich lege mich hin. Trinke viel. Versuche „flach“ zu atmen. Nach einer halben Stunde habe ich mich an das Klima der Halbwüste gewöhnt. Unser Zimmer ist mit drei Betten ausgestattet. Bzw. das dritte Bett mit der Matratze hat Bill besorgt. Im Zimmer riecht’s. Die Matratzen riechen. Es ist dreckig. Tausende Riesenkakellaken. Und trotzdem das ist die beste Unterkunft, die man weit und breit finden kann. Wir schrauben unsere Ansprüche runter…



Die Familie des Pastors John lebt in einem großen Steinhaus (Steinhaus kann sich nur selten eine Familie leisten. Die Meisten leben in Lehmhütten). Früher war er Chief von Hola. Von seiner ersten Ehe hat er erwachsene Kinder. Der älteste Sohn Tom ist verheiratet und lebt im eigenen Haus. Mit seiner jetzigen Frau hat John vier Kinder: Halako (Mädchen, schätzungsweise 8 Jahre alt), Jilo Juda (Junge, ca. 6 Jahre alt), Babaó Martin (Junge, ca. 4 Jahre alt) und ein kleines Baby, das an Wasserkopfkrankheit leidet. Nachdem wir Familie kennen gelernt haben, bemerke ich, dass der kleine Babaó gar nicht gehen kann, da er eine tiefe Wunde am Fuß hat. Ein Fall für uns! Bill packt seine Erste-Hilfe-Tasche aus. Silvia packt sich den Jungen. Gemeinsam versorgen wir den tapferen Kleenen im dunklen Zimmer bei Taschenlampenlicht.


Am Abend erwartet uns ein reichliches Abendessen, was mit Liebe von der Hausherrin zubereitet wurde. Am Tisch sitzen unser Dreier, „Katze“ (unser Fahrer) und der Herr des Hauses – John. Seine Frau und Kinder essen in der Küche auf dem Boden. Das Mädchen bedient uns an dem Tisch. Mittlerweile kenne ich diese Sitte und es kommt mir das nicht mehr so befremdend vor. Und trotzdem ein Gefühl der Ungerechtigkeit steigt in mir hervor: Kinderarbeit, ungleiche Behandlung von Kinder und Frauen usw. Was will man machen? Will man die Tradition der Afrikaner für falsch erklären und unsere europäische Sicht denen eintrichtern? Was ist das kleinere Übel? Respekt der Tradition oder das Gerechtigkeitsgefühl? Wenn man überlegt, dass die Leute sich so wohl fühlen… Ich habe das doch schon bei meiner gut befreundeten Familie versucht und nur viel Verlegenheit dadurch hervorgerufen.



Die erste Nacht kann ich kaum schlafen. Die Gerüche steigen mir in die Nase. Ich liege nicht auf der Matratze, sondern auf dem Holzgestell, so dünn ist meine Matratze. Tausende Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich dichte schon die ersten Zeilen meines Berichtes.

Am nächsten Morgen mache ich die Augen auf. Sanftes Licht kommt durch das Fenster, durch mein Moskitonetz. Wir stehen auf, gehen nacheinander duschen, putzen die Zähne…

Das Frühstück ist genau so liebevoll zubereitet, wie das Abendessen davor. Vor jedem Mahl sprechen wir ein Gebet auf. Da John weiß, dass wir, Europäer, nicht besonders religiös sind (da waren die Kolonisten sehr erfolgreich, in dem mittlerweile jeder Afrikaner so fest an die christliche Kirche glaubt!!!), beschränkt er das Gebet auf wenige Sätze: „Herr! Segne unser Frühstück! Danke! Amen!“.

Nach dem Frühstück brechen wir auf. Wir fahren zur LAZA Primary Shool, zu der Schule, die TARIKIH e.V. gebaut hat. Für Bill gibt es viel zu tun: Kontrolle der Baumaßnahmen, die bei seinem letzten Besuch gestartet wurden. Es gibt keinen „Projektleiter“ vor Ort. Bills Aufgabe ist die Leute zu überzeugen und zur Arbeit zu bewegen. Es klappt schon in unserer Anwesenheit schwer. Was passiert, wenn wir abreisen? Solange ich die Afrikaner kenne, verfügen sie über keine ausgeprägte Selbstinitiative… Also, Kontrolle, Kontrolle und noch mal Kontrolle. Und um Gottes Willen nicht alle Wünsche auf einmal äußern. Sie können auch nur eine begrenzte Anzahl an Aufgaben verdauen. Deswegen muss man sehr viel Geduld mitbringen. Die Verhandlungen, Kontrolle, hin und herfahren dauert zwei Tage. Wir organisieren alles: Lieferanten, Baumaterial, Leute… Alleine sind sie alle total überfordert.

Nachdem die Lieferanten bezahlt sind, das restliche Geld in die treuen Hände des Pastors, der eine semi-Projektleiterfunktion bei dem Projekt hat, können wir aufatmen. Den freien Abend nutzen wir um an Tana River zu gehen. Vielleicht haben wir Glück und bekommen Flusspferd oder Krokodil zu Gesicht. Tatsächlich schwimmt ein Krokodil in Entfernung von ca. 10 m, so dass man nur seine Nasenlöcher sehen kann. Kinder erzählen, dass es viele Krokodile und Nilpferde hier gibt.



































Während wir so beschäftigt an der Schule waren, ereignete sich ein Unfall: als eine junge Frau das Wasser aus dem Fluss holte, biss ein großes Krokodil in ihren Arm. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich die Hand abzuhacken. Als die Leute sie sahen bzw. den Schrei hörten, halfen sie der jungen Frau ins Krankenhaus zu kommen. Hier passieren viele Unfälle dieser Art… Es ist tatsächlich sehr gefährlich am Fluss, auch wenn der Fluss sehr friedlich aussieht. Gefährlich ist es aber nur dann, wenn man nicht weiß, wie man mit der Gefahr umgeht und wie man auf das eine oder das andere Tier reagiert. Auf der Fahrt habe ich von Bill bereits die Weisheiten der alten Pokomos überliefert bekommen: was macht man, wenn man von einem Krokodil eingegriffen wurde, wie befreit man sich, wie verhält man sich in der Nähe der Flusspferde usw …






Unsere Mission ist erfüllt. Letztes Abendmahl. Letzter Schlaf in Hola. Letztes Frühstück. Morgen früh brechen wir auf.





Da wir gut in der Zeit sind, entscheiden wir uns ein Camp am Tana River Besuch zu erstatten. Als wir uns dem Fluss nähern, ändert sich die Landschaft auf einen Schlag. Anstatt Sand und vertrocknetes Gebüsch sehen saftiges Grün, Riesenpalmen, kräftige Bäume. In diesem Gebüsch erspähen wir ein großes Affen, der sich scheu hinter den Blättern versteckt. Mit einem Motorboot fahren wir einige Meter flussaufwärts … und was sehen wir da? Zehn oder zwanzig große und kleine Flusspferde baden, mitten im Fluss. Wir sind gebannt. Berauscht lauschen wir den Geräuschen. Unsere Blicke kleben buchstäblich an der Oberfläche des Flusses. Wir wollen mehr von diesen großen Tieren sehen. Die Tiere haben uns schon von weitem gesehen. Sie beobachteten uns eine Weile, tauchen ein und tauchen wieder auf. Nach 5 Minuten fühlen sie sich eingeengt und verschwinden eine nach dem anderen von der Oberfläche. An der anderen Flussseite ruhen sich Krokodile aus… Unsere Euphorie können wir nicht verbergen…






















Nach einem Eintrag in das Gästebuch setzen wir unsere Reise fort… Als ich Salz in der Luft rieche, erkenne ich die Nähe des Ozeans. Wir fahren an einem Salzwerk vorbei. Vor nicht so langer Zeit wurde Salz wie heute das Erdöl geschätzt. Heutzutage wissen wir wie man aus Salzwasser Salz gewinnt. Und besonders hier in Afrika ist das weiße Gold lebensnotwendig! Über die Anlage gibt es viele traurige Geschichten. Einige Unfälle müssen hier in Vergangenheit passiert haben.

Bald erreichen wir Malindi und von da aus geht es direkt nach Hause!










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